Wullfende Politiker, euphorisierende Kampagnen

“Social-Media-Manager, ein Trendberuf”, lese ich gerade. Na ja, angesichts der Aufgaben, die auf die Branche zukommen, verständlich: Wer sonst sollte den medial inszenierten Rückbau des Politischen – in Zeiten euphorisierender Social-Media-Kampagnen – besser forcieren können, als der Social-Media-Manager :-)

Also nicht nur ein Trendberuf, sondern auch eine Schlüsselaufgabe? “Wulffende” Politiker übrigens gibt es stets genug, sie scheinen eine feste Grösse zu sein. Was wirklich zu überraschen vermag: Dass dies noch zu überraschen vermag.

Siehe in diesem Zusammenhang den ZEIT-Artikel: http://bit.ly/xaVrnl

Und wieder verpasst die Schule ihre Chance?

Eine Polemik

Die Bereitschaft der profilierten Meinungsäusserung im Internet, das Bedürfnis, Information, Fotos, Videos usw. im Web zu teilen, die Hoffnung auf die Viralität “Sozialer Medien”, das Vertrauen, sich in Communities authentisch einzubringen: Wie kommt all dies zustande?

Ohne diese Wie-Frage zu beantworten, wird nicht verstehbar, weshalb User bereit sind, sich im Web zu exponieren. Und sie sind in beachtlichem Ausmass bereit, dies zu tun. Das zeigen die puren Fakten.

Erklärungen, welche dieses Phänomen verstehbar machen, sind mittlerweile in wissenschaftlich fortgeschrittenem Stadium. Zum Beispiel: Die Entwicklung des Selbstkonzeptes ist in hohem Masse auf die Erprobung der Vorstellungen über sich selbst angewiesen. Diese Erprobung findet in sozialen Zusammenhängen statt, im permanenten Vergleich mit der sozialen Umwelt. Ueberlegungen, die nicht neu sind, sondern auf Festingers Social Comparison Theory zurück gehen. Entstanden sind sie in den frühen Fünfziger Jahren.

“Soziale Medien” bieten ein bemerkenswert günstiges Umfeld für diese Erprobung. Denn in gewisser Weise bieten sie einen risikoarmen Raum. Zwar mag das rechtliche Prozessrisiko gesteigert sein (“Gefahren”) usw. Die soziale Riskanz jedoch ist geringer. Einzelne Aspekte des Selbstkonzeptes lassen sich spielerisch “ausprobieren”, das “Identitätsmanagement” lässt gerade in der sequenziellen Unverbindlichkeit des Netzes Spielraum für Selbstexperimente. Dadurch wird es möglich, sich selbst anders zu erfahren und die Grenzen der Selbstkontinuierung dehnbar zu halten.

Das permanente Ausrufen potenzieller Gefahren ist ungeeignet, “richtiges” Verhalten zu erreichen. Die Wucht des Social-Media-Trends ist zu gewaltig und zu nachhaltig, die Entwicklung zu weit fortgeschritten. Zahlreiche Sicherheitswarnungen waren schon gestern billig und sind heute nur noch ermattend. Obwohl sich die Unterscheidung Privatheit/Oeffentlichkeit lange Zeit zu bewähren schien, ist nun eine “dritte Zone” mitzudenken, die “öffentliche Privatheit”. Jugendliche lernen, übrigens eher im Web als in der Schule, sich an und in dieser “öffentlichen Privatheit” zu bewähren. Und sie erwerben Kompetenzen, auf welche Schulen höchstens schulische, jedoch keine pädagogischen Antworten finden. Der repetierte Ruf nach Prävention wirkt – angesichts der Blindheit gegenüber dem Phänomen der “neuen Exponiertheit” – wie ungehörte Marktschreierei zu Zeiten des Ausverkaufs.

Das hat Google nicht nötig

Kommentar

Google hat offenbar in 33 Ländern Fragmente aus dem Datenverkehr ungesicherter WLANs gespeichert – und dies bei Fototouren für Street View. Es handelt sich, gemäss Google, um Aufzeichnungen in 5-Sekunden-Sequenzen, um einen Fehler. Datenschützer sind zurzeit daran, offene Fragen zu klären. Soweit die Vorgeschichte.

Wer glaubt, Goolge habe es nötig, während Monaten durch die Strassen der Städte zu fahren und 5-Sekunden-Schnipsel zu sammeln, hat den Kern der Frage schlicht und einfach nicht verstanden. Google hätte ganz andere Möglichkeiten, auf Daten zuzugreifen, die bedeutend effektiver und effizienter wären. Um es klar zu sagen: Hier wird in der Möglichkeitsform gesprochen, um die (unvermeidliche) mediale Aufgeregtheit nicht leichtsinnig zu bedienen. Denn Google hat gute Gründe und existenzielle Interessen, Daten nicht missbräuchlich zu verwenden. Gerade weil alle Augen auf Google gerichtet sind, kann man sich hier sicherer fühlen als bei anderen Anbietern.

Google ist das euphorische Unternehmen schlechthin. In Hochzeiten der Euphorie ist die Gefahr gross, solche Fehler zu machen. Der Hauptfehler aber liegt meines Erachtens in der defensiven Informationspolitik von Google.

Googeln macht klüger. Irgendwie.

Man sollte Studien, deren Methodik nicht transparent ist oder deren Methodik man nicht genau nachvollziehen kann, mit Vorsicht aufnehmen. Doch die folgende Nachricht ist, wie soll ich sagen, mutmachend für eingefleischte Webianer. Wenn wir alt werden, wird alles besser. Beispielsweise deshalb, weil das Googeln Alte klüger macht, wie bei Heise heute zu lesen ist. Und immerhin handelt es sich bei Heise nicht um irgendeinen, sondern um einen renommierten Newsticker.

Vor allem das Suchen von Informationen im Internet soll unsere Gehirnzentren aktivieren. Endlich ist der Beweis erbracht, denke ich mir mutig, und natürlich stammt die positive Meldung aus Kalifornien. Jedenfalls gibt es Grund zur Freude bis die nächste Studie nachweisen wird, dass das ständige, meistens unergiebige Recherchieren im Internet kardiologisch gesehen die Lebenserwartung senkt.

Der wahre Preis

Kommentar: Was der wahre Preis für Gratis-Software sei und ob Schulen überhaupt noch für Software zahlen sollten, fragt sich Martin Hofmann in seinem Edu-Blog. Zwei berechtigte Fragen, finde ich. Hofmann stellt in diesem Zusammenhang das Google Pack der Windows Live Suite gegenüber. Wir leben in der Ausnahmesituation, die dadurch geprägt ist, dass die Zone der gegenwärtig relevanten Technologien von zwei Riesen dominiert wird, Google und Microsoft. Die Konkurrenz zwischen diesen beiden führt zu Ideologisierungen und vor allem zu “Marktverzerrungen”. Für den User wird der Zusammenhang zwischen Leistung, Kosten und Bezahlung undurchsichtig. Ein letztlich folgenschwerer Sachverhalt. Im Weiteren wird der User nun automatisch zur Partei. Im Nutzen oder Nichtnutzen von Tools gibt er seine Stimme ab. Vielleicht ist es besser, von Religionsgemeinschaften als von Parteien zu sprechen. Denn man kann Hofmanns Fragen vermutlich nur noch über den Umweg in die Metaphysik beantworten. Die Diagnosen beginnen dann mit: Ich glaube, dass…

Update (aufgrund des Kommentars von tesso). Zur Übersicht die beiden wichtigen Links von Google:

- Google Produkte
- Google Pack

Reaktion von Microsoft

Ein Kommentar

Open-Source-Software ist nicht einfach “Gratis-Software”. Von Microsoft, so spekulieren Medien in den letzten Tagen, wird es bald Gratis-Software geben – oder genauer: eine werbefinanzierte Version von Works. Diese Entwicklung zeigt, dass Microsoft die Konkurrenz, zum Beispiel von OpenOffice, durchaus ernst nimmt – oder genauer: ernst nehmen muss. Ob die Rechnung für den Marktleader aufgehen wird, bleibt abzuwarten. Werbeeinblendungen sind im Spam-Zeitalter nicht eben beliebt. Anderseits hat Microsoft gemäss Presseberichten zurzeit Schwierigkeiten, die Pläne zu Formatstandardisierung zu realisieren. Dies dürfte für die Marktentwicklung im Bereich der Bürosuiten entscheidender sein.

Drängen sich Katholiken vor?

katholisch.jpg
[tokka] Das Verhältnis zwischen der Katholischen und der Evangelischen Kirche in der Schweiz ist überlicherweise nicht Gegenstand dieses Weblogs. Doch es gibt besondere Ereignisse, zum Beispiel die Wahl des konservativen Vitus Huonder zum Churer Bischof. Huonder verdankt seine Karriere wesentlich dem Vorvorgänger Haas.

Wer bei google.ch die Suchsyntax “evangelische kirche schweiz” eintippt, trifft nicht wie erwartet auf die Evangelische Kirche, sondern auf die Katholische, auf kath.ch. Besser kann der Anspruch, die “einzig wahre Kirche” zu sein, zu Zeiten des Internets nicht symbolisiert werden.

Stand 10.7.2007 (23.30 Uhr)

Die Bahn blokt!

Der “allererste” Bahn-”Bloker der Schweiz” heisst Bruno Lämmli, wie nun via SBB, den Schweizerischen Bundesbahnen, zu erfahren ist. Lokomativführer Lämmli ist für die Web-Engagierten Bähnler kein Unbekannter. Er bietet unter www.lokifahrer.ch bereits seit Jahren gut aufbereitete Informationen für Bahninteressierte und “Loki-Verrückte” an. Das neue Event-Blog zur Messe transport logistic 2007 wird von der Bahn – von SBB Cargo – gesponsert. Cargo-Blog nennt sich das neue Angebot.

Wer nun denkt, in einem solchen Blog sei Brisanz kaum erzeugbar, der täuscht sich gewaltig. Spätestens bei folgender Textstelle freue ich mich über die Leichtfüssigkeit, mit der hier provoziert wird (am 4.6.2007):

“Wenn ein Flugzeug in der Luft ist, dann kann es relativ ungestört fliegen. Wenn einer unserer Züge den Bahnhof verlässt, dann fangen für uns die Herausforderungen erst an. Denn die Bahntransporte sind allen möglichen Unwägbarkeiten ausgesetzt: Dazu gehören Einwirkungen der Natur, wie Stürme und Gewitter, aber auch Weichenstörungen oder Unfälle.

Aha!

Da Flugzeuge über den Stürmen fliegen, Flugstrassen wenig beflogen und Flugunfälle inexistent sind, kann es so kompliziert wohl nicht sein, einige Tonnen am Himmel zu bewegen. Ist das nun wieder dieser altbewährte Bähnler-Humor?

Oder sind die Überlegungen des Bahn-”Blokers” am Ende doch nachvollziehbar: Wenn ich unterwegs bin, habe ich nicht selten das Gefühl, die Fliegerei sei technologisch gesehen eine simple Sache, jedenfalls im Vergleich zur Herausforderung, Züge in Gang zu setzen. Unter vernünftigem Kostenaufwand.

Digitale Unterschrift, aber…

Die Schweizer Post bietet seit rund einem Monat die elektronische Unterschrift an. Wie der Presse zu entnehmen ist, sind jedoch – insbesondere für Private – hohe Hürden gesetzt. Gemäss pressetext kostet der Start 90 Franken. Für die Nutzung fallen weitere – und nicht gerade geringe – Gebühren an. Schweizweit kann eine Registrierung nur bei 42 Stellen erfolgen und das Verfahren ist meines Erachtens (zu) kompliziert. Die Post verweist im Zusammenhang mit dieser Neueinführung auf die E-Government-Strategie des Bundes. Kein unpassendes Stichwort, zugegeben. Aber einmal mehr wird sichtbar, wie wenig Administrationen und Politik in der Lage sind, Potenziale “neuer Medien” auszuschöpfen. Die Angebote sind zu kompliziert in der Handhabung, mit zu hohem Verfahrensaufwand verbunden und letztlich zu teuer. Eine Breitenwirkung wird auf diese Weise verhindert. “E-Government-Strategie”: E-Government-Praxis? Wie sieht es mit den konkreten Zahlen aus? Welche Angebote finden heute breite Beachtung? Wie ist es um die Relation zwischen Aufwand und Ertrag bestellt? Wie wird bei solchen Projekten mit technologisch induzierten sozialen Ausschlussrisiken umgegangen?

“Silicon Valley in Switzerland”

Die CVP profiliert sich in Richtung schöne neue Medienwelt. Dazu gehört die Präsenz an der Orbit in Zürich. Doch wenn man die Unterlagen genau liest, wird klar: Ohne den altbewährten “Kulturpessimismus” geht es bei der CVP nicht. Wenn es um neue Medien geht, ist die Verbindung zu Internetkriminalität und Cybercops bei der CVP rasch – zu rasch – vollzogen. Bundesrat Blocher wird kritisiert, die Internetkriminalität nicht ausreichend zu bekämpfen. Aus Gründen der Fairness muss beigefügt werden: Solche Argumentationsfiguren sind typisch für das politische Geschäft insgesamt: Wo Ängste sind, sehen Politiker die Chance zur Profilierung…

Abgesehen davon lanciert die CVP auch eine Petition “Weniger Bürokratie – mehr elektronische Dienstleistungen!” und will sich für den Ausbau von E-Government in der Schweiz einsetzen.

Offen bleibt die Frage: Wer setzt sich in der Schweiz für ein offenes Internet ein, in dem die Privatsphäre geschützt wird und die Potenziale der gesellschaftlichen Teilhabe- und Teilnahmechancen tatsächlich genutzt werden? Keine einfache Aufgabe, ich weiss.

Googles Psychologie

Nun treibt Google den Datenschutzsensiblen dieser Welt wieder einmal den puren Schweiss auf die Stirn: Google reicht gerade ein Patent für eine Methode ein, mit der sich “psychologische Profile von Millionen Menschen” (Heise) erzeugen lassen. Dass das Online-Verhalten einiges über Person und Persönlichkeit des Users aussagt, ist klar. Dass damit “Psychologie” betrieben werden kann, ist ebenfalls nachvollziehbar. Und Google verfügt über die “richtigen” Informationen, um systematisch und breit entsprechende Methoden zu testen. Wissenschaftlich gesehen bleiben doch viele Fragen offen. Nicht alles, was nach einem psychologischen Test aussieht, sagt viel über den Testkandidaten aus. Oft wird mit solchen Verfahren mehr über die Psychologie selbst ausgesagt. (Quelle: Heise)