“Ich lehne die Auszeichnung offiziell ab”

Das US-Magazin Time wählt jeweils die Person des Jahres. Ein traditionsreiches Medienritual zum Jahreswechsel.

1938 war es Adolf Hilter. 2004 wurde George W. Bush geehrt, dann folgte im letzten Jahr Bill Gates. Auch Chomeini brachte es zu diesem Time-Erfolg (1979). Die Reihe der Geehrten ist schillernd – und mehr als das: Sie ist insgesamt fragwürdig. In diesem Jahr aber werden du und ich gewürdigt. Eine besonders originelle Idee hat sich das US-Magazin Time zum Jahresabschluss 2006 einfallen lassen. In diesem Jahr wird als “Person des Jahres” der Internet-User schlechthin gefeiert. Denn wir haben viel geleistet in diesem Jahr: So manchen ADSL-Ausfall überdauert (Schweiz), das Ensemble aller Beta-Versionen als Web 2.0 akzeptiert, bei Wikipedia Fronarbeit geleistet und unsere Blogs regelmässig gefüttert. Kurzum: Wir haben es verdient, Person des Jahres zu werden. Ob wir uns aber in diese Geehrtenreihe einfügen wollen? Ich für mich lehne die Auszeichnung hiermit offiziell ab.

Intrasparente Bewertung

Problematisch sind suchmaschinenorientierte Bewertungsverfahren von Websites, wie PageRank, meines Erachtens nicht grundsätzlich. Was sie jedoch problematisch machen kann, ist, dass sie nicht nach vollständig transparenten Mechanismen funktionieren. Dies bedeutet, die (Re-)Organisation des Wissens (im alltagssprachlichen Sinn) ist nur beschränkt nachvollziehbar. Die Neuer Zürcher Zeitung berichtet heute über die mathematischen Grundlagen von Googles PageRank.

Fernuniversität für Terroristen

Fernuniversität und Trainingscamp zugleich sei das Internet für Terroristen, sagte Innenminister Schäuble heute in Berlin. Fakt ist, dass das Internet auch Fernuniversität und Trainingscamp für Lebensretter, Nobelpreisträger, Priester, Seniorengruppen, Krebsforscher, lerngehemmte Jugendliche, Tierschützer, Pilzsammler, Börsenmakler, Jugend-Forscht-Studenten, Bibelgruppen – ja sogar für Politiker ist. Das Internet streut Chancen und Gefahren gleichzeitig. Und das eine ist nicht ohne das andere zu haben. Dies ist die Ausgangslage, die sich für Medienpolitik stellt. Verteufelungen und billiger Kulturpessimismus mögen der Politik genügen. Diese Bescheidenheit ist nicht neu. Es gehört aber zum Wesen schlechter Argumente, dass sich durch ständiges Wiederholen nicht besser werden.

Brauchen wir Skandale?

Die Frage ist bei Robert Basic in seinem Artikel Top-Liste der Blog-Skandale nicht explizit gestellt, aber sie steht im Raum: Braucht ein “funktionierendes” Blog Skandale? Und falls ja: Sind nun doch wieder die Recherche-Journalisten gefragt, die genau darin geübt sind, im Aufdecken und Zuspitzen? Immerhin verfügen die “Top-Skandal-Blogger”, deren Arbeit hier durchaus geschätzt wird, über journalistische Ausbildungen oder mindestens Erfahrungen. (Wenn mich nicht alles täuscht.)

Blogs ungeeignet

Unternehmungen wie das Schweizer Fernsehen würden gut daran tun, keine Blogs zu betreiben. Dieses Format ist ungeeignet für solche Sendeanstalten. Dann würden sie sich Peinlichkeiten der folgenden Art ersparen. Jedenfalls ist im Weblog von Kurt Aeschbacher, der es gewagt hat, in seinem Blog seine persönliche Meinung zu äussern, folgende “Korrektur” zu lesen:

“Der Aeschbacher-Blog über Elton John hat in den letzten Tagen für viel Gesprächsstoff gesorgt. Kurt Aeschbacher hat darin seine persönliche Sicht der Dinge dargestellt. Einige empfanden diese als verletzend. Das wollte Kurt Aeschbacher nicht. Heute hat er nach Absprache mit den Verantwortlichen von SF den Blog-Eintrag über Elton John gelöscht. Wir bitten um Verständnis.”

Natürlich ist der Beitrag auch weiterhin im Google-Cache zu lesen. Nein, gelöscht bedeutet heute nicht mehr gelöscht.

Der Bürger spricht

Bürgerjournalismus ist ein grosses Wort, das zurzeit – mindestens in der Blogszene – euphorisierend wirkt. Was damit an Erwartungen einlösbar sein kann, zeichnet sich erst vage ab. Deutlicher ist bereits, was unter einem solchen Label nicht möglich ist. Hugo E. Martin und Stefan Büffel beschäftigen sich mit der Fortsetzung von Readers Edition, einem “Bürger-Blog” der Netzeitung. Dort wird gerade die Frage angegangen, ob das im Juni 2006 gestartete Blog Readers Edition in der Krise sei. Im Rahmen des neuen Projektes soll eine eigenständige Plattform aufgebaut und etabliert werden. Das Projekt wird in einem Weblog begleitet (dessen Name für die meisten “Bürger” in einem Zug nicht aussprechbar ist).

Web 3.0 andenken

[Mike] Entwicklungen hin zum Web 3.0 sind im Gange, auch wenn wir zurzeit gerade dabei sind, uns im Web 2.0 zu beheimaten. Das österreichische NEWS beschreibt das Web 2.0 als “Mitmach-Internet”. Die neue Entwicklung wird zu einem Internet führen, in dem neue Bedeutungs- und Sinnräume entstehen. Nun geht es darum, das Web zum semantisches Netz umzubauen. Die jetzige Struktur des Internets ist technikgetrieben zustande gekommen. Das Web 3.0 wird eine Welt sein, die in die Bedeutungszusammenhänge unseres Alltas integriert ist. Die einzelnen Websites werden ihre Bedeutung im Zusammenhang erhalten, in dem sie stehen. Man wird sich weniger von Seite zu Seite, als vielmehr innerhalb von Bedeutungszusammenhängen bewegen. Wann das alles soweit sein wird? Ob es in dieser Art kommen wird? Ich bin gespannt…

“Bei heissen Themen mitdiskutieren”

Manfred Weise und Reto Eugster befassen sich in einem heute in der Neuen Zürcher Zeitung erschienenen Artikel mit Seniorenzeitschriften. “Kritische Themen wie: Altersdiskriminierung, Warum verschwinden Moderatorinnen ab 50 von der Mattscheibe? und Senioren in Entwicklungsländern sucht man vergebens”, lautet ein Fazit. Doch was hier mehr interessiert: Der Artikel befasst sich überdies kurz mit den Internet-Angeboten für Senioren:

“Bei den Websites für Senioren gibt es noch vieles zu verbessern. Zumal eine Studie der Fachhochschule St. Gallen zeigt, dass ein Teil älterer Menschen Seniorenseiten tendenziell als ausgrenzend erlebt. Es gehe darum, am Internet grundsätzlich teilzuhaben und bei heissen Themen mitzudiskutieren – und nicht auf Spezialbezirke abgedrängt zu werden, so ein Rentner an einem Hearing der Fachhochschule St. Gallen.”

Das Warten auf Roger K.

Das Watchblog, das seit August 2006 die Entwicklung der Weltwoche kritisch begleiten will, wartet offenbar noch immer auf Roger Köppel. Vom 8.9.2006 stammt der letzte Eintrag, Tonor: Das grosse Warten auf Roger K. hat begonnen. Ganz grundsätzlich wäre es schade, wenn sich kein Blog der Weltwoche widmen würde. Sie hat diese Art der Zuwendung verdient…

Für 25 (520) Einwohner ein Computer

Die Schweiz ist kleinräumig strukturiert und wird kleinräumig verwaltet: durchaus erfolgreich und effizient in nicht wenigen Gemeinden. Dies kann fürs Erste mindestens unterstellt werden. Inwieweit kann die Frage nach der Effizienz kommunaler Verwaltung gleichsam indikatorisch (oder metaphorisch) an der IT-Organisation festgemacht werden? Eine aktuelle Studie, an der sich 251 Gemeinden beteiligt haben, zeigt interessante Ergebnisse. Die Schweizer Gemeinden verwenden unterschiedliche IT-Lösungen und der Aufwand, den sie bei der IT betreiben, ist sehr unterschiedlich.

“Während Degersheim einen Computer auf 25 Einwohner im Einsatz hat, verwaltet das basellandschaftliche Pfeffingen 520 Einwohner pro Computer”, ist im St. Galler Tagblatt zu lesen.

Dabei bezieht sich die Zeitung auf eine Studie von FDMM. Hinter der Studie steht offenbar das Bedürfnis der Gemeinden, solides Datenmaterial zu erhalten, um die Steuerung des IT-Bereichs zu erleichtern. Unklar ist mir, inwieweit auch Opensource-Optionen einbezogen wurden.

Printmedien verlieren weiter an Bedeutung

Das Marktforschungsinstitut Jupiter Research hat eine neue Studie zum Medienkonsum in Europa veröffentlicht. Die Hauptergebnisse bestätigen Trends, die sich seit längerem abzeichnen. Das Internet gewinnt gegenüber den Printmedien an Bedeutung. In den letzten drei Jahren hat sich die effektive Zeit der Internet-Nutzung in Europa verdoppelt. Besonders drastisch zeigt sich der Trend bei den jüngeren Medienkonsumenten. Printmedien haben es schwer, das Interesse von Teenagern und jungen Erwachsenen zu wecken. In der Neuen Zürcher Zeitung, welche ebenfalls über die JR-Studie berichtet, ist diese Entwicklung wie folgt dokumentiert: “Die 15-24-Jährigen sind 7 bis 8 Stunden pro Woche im Internet und lesen in der gleichen Zeit nur gerade eineinhalb Stunden gedruckte Informationen.” Überspitzt könnte nun gefolgert werden: Die Printmedien werden mehr und mehr zur Angelegenheit für Senioren. (Brauchen wir vor diesem Hintergrund überhaupt noch “Seniorenzeitungen”?)

Das Fernsehen ist bei der JR-Rangliste nach wie vor und unangefochten auf Platz ein. Es stellt sich jedoch die Frage, wie methodisch präzis bei der JR-Studie zwischen der Einschaltzeit beim Fernsehen und der effektiven Nutzung des Fernsehens als Informationsquelle unterschieden worden ist. Es kann vermutet werden, dass das Fernsehen oft als “Hintergrundmedium” (als Hintergrundgeräusch) genutzt wird, so dass hier eine nuanciertere Sichtweise nötig ist.

Jedenfalls verändert die aktuelle Entwicklung die Vorstellungen von dem, was eine “Nachricht” sei: Sie verändert die Inhalte der Medien insgesamt und teilweise grundlegend. Insbesondere ist zu erwarten, dass sich der Trend zuungunsten der Printmedien verstärken wird. Denn die Verschiebung des Interesses von den Printmedien zum Internet lenkt die Werbegelder mehr und mehr um – und den Printmedien wird es mehr noch als heute an den nötigen Investitionssummen fehlen (ein Stichwort: schwindender Kleinanzeigenmarkt). Der langen Rede kurzer Schluss: Printmedien sind darauf angewiesen, das Zusammenspiel von Print- und Online-Angeboten zu optimieren. Und dabei ist nichts weniger gefragt als das: neue Ideen.