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Mail-Kulturen verhindern Entwicklung

Workshop-Notiz

Mail-getriebene Organisationen sind oft unfähig, sich zu fokussieren. Bearbeitet wird, was ansteht. Im elektronischen Postfach glaubt man zu finden, was es zu tun gelte. Das Problem ist erkannt, verschiedene Anbieter, beispielsweise Google mit Inbox, bieten neue Funktionen an, um Mails automatisch (und mehr oder weniger intelligent) zu priorisieren. Die Nutzung solcher neuer Tools ist eine Variante, kann ein Lösungsversuch sein.

Es gibt auch die Möglichkeit, tool-übergreifend Zugangsregeln zu definieren, und zwar in folgenden drei Dimensionen:

– sachlich (Welche Themen sind prioritär?)
– sozial (Welche Personen sind mir wichtig?)
– zeitlich (Was ist dringend?).

Das System der Zugangsregeln lässt sich schliesslich mit unterschiedlichen informatischen Mitteln abbilden. Ein Beispiel haben wir an an einem Workshop diskutiert. Es sind wie folgt aus:

Regel 1: Personen, mit denen X aktuell zusammenarbeitet (= sozialer Filter), erreichen X via Work Chat von Evernote, zusammenarbeits- bzw. projektbezogen (= sachlicher Filter). Bei enger Zusammenarbeit sind geteilte Evernote-“Notizbücher” sinnvoll, in denen zeitlich priorisiert wird.

Regel 2: Personen, dich X von einer Veranstaltung her kennen (Kongress, Tagung, Workshop usw.), erreichen X via TwitterDM.

Regel 3: Kunden-Mails filtert X automatisch aus der Inbox, leite sie an Evernote weiter und bearbeitet sie dort (= Archiv der Kundenkontakte).

Regel 4: Personen, die für die weder Regel 1, 2 oder 3 zutrifft, erreichen X via Telefon. Berechtigt ist, wer die vertrauliche Nummer erhalten hat.

Regel 5: Alle anderen Kontaktnahmen bearbeitet X sporadisch und unverbindlich in Postfach des Mail-Clients.

Das Beispiel gab zu reden. Klar ist, dass die Wahl der Werkzeuge hier weitgehend persönlichen Vorlieben entspricht. Entscheidend ist die Art, wie “Kontaktregeln” gebildet sind. In der Diskussion wird insbesondere darauf hingewiesen, dass es wichtig sein, nur wenige griffige Regeln in das System einzuführen.

Freundeskreise als Wissenskörper

Am Event Socialmediasnack in St.Gallen stellte Reto Eugster, Leiter des Masterstudiums Social Informatics, das Modell “Freundeskreis als Wissenskörper” vor. Ein Freundeskreis besteht modellhaft aus 12 Personen, die zu thematischen Schwerpunkten Informationen zusammentragen, kuratieren, verteilen. Der Lebenszyklus eines Freundeskreises ist auf zwei Jahre beschränkt.

Ein Freundeskreis besteht aus Vertretern unterschiedlicher Disziplinen, die aus verschiedenen Optiken Informationen zu vorgängig vereinbarten Schwerpunkten einbringen und Wissen generieren. Die Mitglieder eines Freundeskreises treffen sich grundsätzlich nicht Face-to-Face. Meetings gibt es keine, die Mitglieder leben üblicherweise in verschiedenen Weltgegenden.

Auf diese Weise ist es möglich, über Organisationen hinweg “Wissenskörper” zu schaffen, führte Reto Eugster in seinem Referat aus. Erfolgreiche Unternehmen sind auf die Wissensgenerierung und die Wissenszirkulation über die Organisationsgrenzen hinweg angewiesen. Gerade Unternehmen, die einem hohen Innovationsdruck ausgesetzt sind, können ihr Wissensmanagementsystem nicht als interne Angelegenheit begreifen. Auch Kunden werden mehr und mehr in Wissensnetzwerke von Unternehmen eingebunden. Eugster zeigt an diesem Trend die Veränderung der Wissensorganisation von Unternehmungen nach.

Als Modell stellte Reto Eugster einen bestehenden Freundeskreis vor. Genutzt wird bei diesem Beispiel Evernote, das in seinen Pro- und Business-Versionen dafür geeignet ist, wie Reto Eugster aufgrund seiner Erfahrungen bilanzierte. Evernote ist auf verschiedenen Devices einsetzbar, kann mit Texten, Audio, Video, Fotos, handschriftlichen Notizen usw. umgehen und verfügt über geeignete Sharing-Optionen. Zudem sei Evernote kostengünstig nutzbar.

Reto Eugster hat inzwischen verschiedene Projekte Freundeskreis als Wissenszirkel lanciert. Im Masterstudium Social Informatics an der FHS St.Gallen wird in diesem Bereich auch gelehrt.

Neun Quatschbehauptungen

Ungezählt sind die “Medienberater”, Social-Media-Experten, Netzspezialisten usw. Weniger breit ist das Repertoire der Quatsch-Behauptungen, denen wir uns durch sie ausgesetzt sehen. Hier meine favorisierten Quatschbehauptungen, denen wissenschaftliche Fundierung fehlt. Eine Polemik:

Quatsch 1: Jugendliche, die Social Media intensiv praktizieren, sind sozial verarmt. (Einfach nur falsch. Beispielsweise: Jugendliche nutzen das Internet zu einem Grossteil für die Vernetzung in Peer Groups.)

Quatsch 2: Jugendliche, die Social Media intensiv nutzen, entwickeln sprachliche Defizite. (Einfach nur falsch.)

Quatsch 3: Im Zug der Social-Media-Praktiken schwindet die Privatsphäre von Jugendlichen. (Die Vorstellung dessen, was als “privat” bewertet wird, verändert sich.)

Quatsch 4: Aeltere Menschen haben altersbedingt Mühe, sich Medienkompetenz anzueigenen. (Die Frage ist, welche Lehr- und Lernformen den Bedürfnissen und Erwartungen älterer Menschen entsprechen. Aeltere Menschen lernen anders. Sie sind durchaus lernfähig, insbesondere auch, wenn es um Neue Medien geht.)

Quatsch 5: “Totmacher-Spiele” im Netz zu spielen, ist Ausdruck von Gewaltbedürfnissen. (“Der Tod und die Leben”, titelte DIE PRESSE einen Artikel zu Computer-Spielen treffend. Die Auseinandesetzung mit existenziellen Fragen steht im Mittelpunkt.)

Quatsch 6: “Online-Sucht” ist eine verbreitete Krankheit. (Nein, “Online-Sucht” ist als Kranheit nicht anerkannt bzw. umstritten.)

Quatsch 7: Beziehungen, die sich internetbasiert entwickeln, bleiben unverbindlich. (Eine Behauptung, die als generelle Aussage falsch ist.)

Quatsch 8: Die Bedeutung des Internets für Jugendliche wird überschätzt. (9 von 10 Jugendlichen erachten die Internet-Nutzung als [sehr] wichtig.)

Quatsch 9: Computer-Nutzung ist vor allem Männersache. (Nein, die Nutzungsquoten von Männern und Frauen waren 2013 in Deutschland identisch.)

Persönliches Wissensmanagement

Update: 29.5.2014

Evernote bietet erprobte Möglichkeiten, Aspekte eines persönlichen Wissensmangements zu realisieren. Doch das Tool allein reicht nicht. Letztlich geht es um die Frage, wie die Klassifikation von Information sinnvoll vorgenommen werden kann, um auch bei grossen oder sehr grossen Datenmengen effizient Recherche-Strategien anwenden zu können.

Bei digitalistbesser.org gibt es einen Text dazu, der im März 2013 erschienen ist. Seit Jahren bzw. Jahrzehnten (Vorgängersystem z.B. Lotus Agenda) nutze ich folgendes System:

Jede Information klassifiziere ich in vier Dimensionen:

  • Typ (= “Protokoll”, “Zeitungsartikel” usw.)
  • Gegenstand (= “Wohnen”, “Finanzen” usw.)
  • Personen (= Name)
  • Funktion (= “Lehre”, “Studium” usw.)

“Funktion” lässt sich hier als “Zweck” verstehen.

Zeitstempel, Quelle sowie Erfassungsort liefert mir die Datenbank, allenfalls ist die manuelle Ergänzung oder Korrektur nötig. Bei Evernote nutze ich unterschiedliche Vorzeichen, um eine Art Metatext zur Klassifikation zu erstellen. Das sieht bei mir in der Tag-Leiste von Evernote schliesslich wie folgt aus:

!notiz #arbeitsorganisation @eugster _studium 

Uebersetzt: Es handelt sich um den Objekttyp !notiz, zum Thema #arbeitsorganisation, geschrieben von @eugster, genutzt im _studium.

Evernote-Notizbücher gibt es bei mir nur drei: Eingang, Pool, Archiv. Das Prinzip ist einfach: Die Ordnerstruktur bildet den Dreischritt ab vom Informationseingang bis zur Archivierung.

Gesucht werden kann bei Evernote auch mit folgender Syntax (Auszug):
– intitle:wissen* (Suche im Titel nach “Wissen*”)
– tag:#mobilität (Suche nach Stichwort “Mobilität”)
– -tag#mobilität (Auschluss des Stichworts “Mobilität”)
– any:Peter Paul (Suche nach Peter oder Paul)
– resource:image/* (Suche nach Bildern)
– resource:audio/* (Suche nach Audio-Beiträgen)
– created:day-1 (Suche nach Notizen, die am letzten Tag erstellt wurden)

Diskussion erwünscht: @vorinstanz (Twitter)

EU-Kommissarin setzt auf Potenzial von MOOCs

Eine aktuelle Studie, in Auftrag gegeben von der Europäischen Kommission, unterstricht das Potenzial von MOOCs, von Massive Open Online Courses. Die Studie geht von einem Zusammenhang zwischen der MOOC-Entwicklung und der Mitarbeiter-Qualifikation in der Internetwirtschaft aus, siehe Initiative MOOCs for Web Talent.

Interessant ist unter anderm, dass die Mehrheit der MOOC-Lernenden bereits über einen akademischen Abschluss verfügt und nicht primär einen weiteren Titel anstrebt. Der Zertifizierung kommt aus Sicht der MOOC-Lernenen eine nachrangige Bedeutung zu.

Neelie Kroes, Kommissarin für die Digitale Agenda, setzt auf das Potenzial von MOOCs, gerade wenn es darum geht, die Internet-Fähigkeiten von Studierenden europaweit zu verbessern. Im Wettbewerb mit anderen Weltgegenden muss dies priorisiertes Ziel sein, so die EU-Kommissarin.

Soziale und technologische Entwicklungen

Reto Eugster im ICT-Interview: “Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) bestimmen die Dynamik wirtschaftlicher Entwicklung. Dabei ist klar: Diese Technologien verändern unsere Gesellschaft. Social Informatics befasst sich mit dem Ineinandergreifen technologischer und gesellschaftlicher Veränderungen. Wenn neue Technologien auf Alltag treffen: Was verändert sich in der Art, wie Menschen ihre Bedürfnisse befriedigen, ihren Alltag bewältigen.”

Zum Interview

Evernote-Routinen

In unserem Projektbereich nutzen wir teilweise Evernote für die Zusammenarbeit. @phwampfler fragt nach, für was genau wir das Tool nutzen. Konkrete Antworten, hier notizartig:

  • Traktanden-Journale, Pendenzenlisten, Delegationsaufträge usw. bewirtschaften wir gemeinsam, als Vor- und Nachbereitung von Meetings. Via Evernote sind die Informationen fast durchgängig verfügbar (Smartphone, Tablet, Desktop, Notebook usw.).
  • Wenn Aufträge erteilt werden, über etwas “nachzudenken”, eröffenen wir Ideenpools.
  • Status-Meetings: Bei Statussitzungen in einzelnen Projekten halten wir die Ergebnisse (oft gemeinsam, situativ, teilweise auch via liveminutes.com/Evernote) fest. Auch hier ist die durchgängige Verfügbarkeit ein wichtiges Kriterium.
  • Workshop-Ergebnisse, oft Skizzen/Zeichnungen usw., werden entweder direkt via Tablet erfasst oder am Meeting fotografiert. Evernote dient hier als Notizpool.

Persönlich habe ich Evernote als stabil erlebt. Dass es kein Social-Media-Tools wie Facebook ist, welches an Daten interessiert ist, erhöht die Akzeptanz. Evernote liegt ein anderes Geschäftsmodell zugrunde. Nicht unwesentliche Funktionen in der täglichen Arbeit: Handschriftmodul (neu Bestandteil von Evernote), Verschlüsselungsfunktion, die Möglichkeit, einzelne Beiträge zu publizieren, Sprachnotizen usw. Klar, wenn man intensiv mit einem solchen Tool arbeitet, entwickeln sich immer Vorstellungen, wie ein Mehr an Möglichkeiten aussehen könnte … Mein subjektives Fazit ist insgesamt positiv.

Surespot, ein Selbstversuch

@vorinstanz – Seit Facebook Whatsapp übernommen hat, suchen User massenweise eine Whatsapp-Alternative. Dabei laden sie sich allerhand Apps, Tools, Beta-Dinger usw. herunter. Threema, ein App aus der Schweiz, wird als mögliche Alternative bewertet. Grundsätzlich bin ich vorsichtig im Umgang mit solchen nervösen Angsttrends. Aufgrund einer sachlichen Kurzanalyse, meiner Kriterien und Recherchen, bin ich bei Surespot gelandet. Das ist nichts weiter als eine persönliche, subjektive Einschätzung und entbindet niemanden, selber eingehend zu klären, was ihm bzw. ihr wichtig ist. Ich stütze mich lediglich auf Informationen aus dem Web sowie meine “Selbstversuche” mit Surespot.

Folgende meiner Kriterien erfüllt Surepoint: Es ist quelloffen, bietet eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, es ist kostenlos (Grundfunktionen), greift nicht auf meine Kontakte zu, ist lauffähig unter iOS und Android und wird zügig weiter entwickelt. Die noch fehlende Gruppenfunktion soll in wenigen Wochen implementiert werden.

Nachteile: Für die Sprachfunktion fallen rund 2 Franken einmalig an. OK, als Geschäftsmodell akzeptierbar. Aber der grösste Nachteil ist und bleibt bis auf Weiteres: Surespot ist relativ wenig verbreitet. Es ist nötig, sich sein Netzwerk zu schaffen. Beispielsweise in dam man solche Blog-Beiträge schreibt…Positive Beurteilung im Spiegel (Februar 2014)

Twitter-Handwerk

Persönliche Tipps und Tricks für engageierte Einsteigerinnen und Einsteiger, zur Diskussion; aufgezeichnet im Anschluss an den Twitter-Workshop vom 21.2.2014, Blogwerkstatt St.Gallen

Von Reto Eugster

“Kante zeigen”: Formuliere die eigene Meinung, zeige Profil (Aalglattes gibt es auch bei Twitter genug), Ja, sich zu exponieren, ist unter Umständen riskant. Doch die freie Meinungsäusserung ist ein Recht, das nur Bestand hat, solange es praktiziert wird. Lass dich von Social-Media-Gaffern, die prüfen, ob du dich korrekt verhältst, ohne sich selber einzubringen, nicht ablenken.

Kränkungen ausagieren, Konflikte lösen, Abrechnungen starten: niemals via Twitter. Twitter ist ungeeignet für kommunikative Micropolitik. Twitter-Kommunikation tendiert zur Eskalation. Schriftlichkeit (Sequenzialität), Zeichenbeschränkung und Twitter-Kultur sind ein Gemisch, das die Konfliktexpansion befeuert.

Wenn du beleidigt, gekränkt usw. wirst: Tritt heraus aus der Interaktion (= schweigen, blockieren…). Ein Mehr an Kommunikation führt nicht zu einem Mehr an Verständnis. Mühe dich nicht mit stilloser Kommunikation ab. Es gibt ausreichend “Twitter-Aestheten” ;). Wende dich ihnen zu.

Twitter-Kommunikation kann als eigenes literarisches Genre gesehen werden. Die kunsthandwerkliche Basis dieses Genres besteht darin, prägnant und doch differenziert zu formulieren, wobei die Mehrdeutigkeit die entstehen kann, den Charme des Twitterns ausmacht. Kurzum: Es könnte dir helfen, Twitter als literarisches Spiel zu sehen.

Tweets nicht aus der Schrotflinte: poste nicht bündelweise Tweets, das kann auch engagierte Follower überfordern. Denke daran, dass Tweets auf unterschiedlichen Devices gelesen werden.

Reagiere auf Fragen, Anregungen, Hinweise usw. Mische dich ein in Diskussionen, die dich betreffen.

Wenn dir jemand erklärt, was die “richtigen Inhalte” seien, die du posten sollest: Vergiss es. Wenn du “Katzencontent” magst, nur zu. Du willst deine Interessen zugespitzt signalisieren, weshalb nicht? Du sagst per Twitter, dass du nichts zu sagen hast: was solls. Schaffe dir dein eigenes Content-Profil, deine Twitter-Persönlichkeit (nicht zu verwechseln mit anderen Persönlichkeitsansprüchen..).

Halte durch: Um dir ein Follower-Umfeld zu erarbeiten, das deinen Erwartungen entspricht, braucht es bei Twitter, wie im “richtigen Leben” ;) Zeit. Halte zwei Jahre durch und wage erst nach einem Jahr die erste Zwischenbilanz.

Wenn du Quellen nutzest, Inhalte aus Tweets beziehst: kennzeichne die Beiträge anderer als “RT” (Retweet). Reagiere auf das, was dich inspiriert.